Werkstoffe

CW602N: Wann entzinkungsbeständiges Messing Pflicht ist

Entzinkung kündigt sich nicht an – sie steht nur in einer Werkstoffnummer. Wann DZR-Messing wirklich Pflicht ist, wann Standard-Messing genügt, und wo die deutsche Rechtslage die Grenze zieht.

✍ Brassland Redaktion 📅 7. Juli 2026 ⏱ 9 Min. Lesezeit 🏭 Brassland

Entzinkung sieht man einem Bauteil von außen nicht an: Die Oberfläche bleibt messingfarben, im Inneren löst aggressives Wasser das Zink aus dem Gefüge – zurück bleibt poröses, lachsrosa Kupfer, das unter Last bricht. Entzinkung kündigt sich nicht an. Sie steht auch in keinem Angebot. Sie steht nur in einer Werkstoffnummer: CW602N. Und wer sie kennt, spart sich den Wasserschaden – und die Diskussion mit der Versicherung.

Die kurze Antwort

Entzinkungsbeständiges DZR-Messing (CW602N, CuZn36Pb2As) ist Pflicht bei chloridreichem, weichem oder stagnierendem Wasser sowie überall dort, wo die Ausschreibung DZR fordert. Der Nachweis ist die Prüfung nach ISO 6509-1 – eine geprüfte Werkstoffeigenschaft, keine Produktzulassung. Im geschlossenen Heizkreis, bei trockenem Gas oder Druckluft genügt Standard-Messing (CW614N/CW617N) meist völlig.

DZR steht für „dezincification resistant“ – entzinkungsbeständig. Der Begriff taucht in Ausschreibungen als „DZR“ oder „CR“ auf, verschwindet auf dem Angebot hinter einem Aufpreis und entscheidet doch über die Lebensdauer eines Trinkwasser-Bauteils. Dieser Beitrag erklärt den Mechanismus nüchtern, zieht eine ehrliche Grenze zwischen DZR und Standard-Messing und ordnet die deutsche Rechtslage ein – ohne Zulassungs-Bluff.

Brassland fertigt gedrehte Messing-Komponenten nach Zeichnung – Ventilinnenteile, Anschlussstücke, Buchsen, Nippel –, keine fertigen Armaturen. Lesen Sie das hier deshalb als Werkstoff-Orientierung, nicht als Verkaufsargument für eine bestimmte Legierung. Wo Standard-Messing reicht, sagen wir das.

Was bei der Entzinkung im Gefüge passiert

Entzinkung ist selektive Korrosion. In aggressivem Wasser geht das unedlere Zink aus der Messing-Legierung in Lösung, während das edlere Kupfer als poröses, mechanisch wertloses Skelett zurückbleibt. Von außen sieht das Teil oft unversehrt aus; das Bruchbild verrät den Schaden: ein charakteristisches lachsrosa, schwammiges Restkupfer statt des goldgelben, dichten Messings.

Die vier Risikofaktoren

Entzinkung wird begünstigt durch hohen Chloridgehalt, weiches Wasser (geringe Karbonathärte, wenig Schutzschicht), Stagnation (stehendes Wasser in selten durchflossenen Strängen) und erhöhte Temperatur. Treffen mehrere zusammen – etwa weiches, chloridhaltiges Wasser in einer wenig genutzten Leitung –, ist selbst gut verarbeitetes Standard-Messing gefährdet.

CW602N: die arsengehemmte Legierung

CW602N entspricht CuZn36Pb2As. Der entscheidende Zusatz ist ein geringer Arsengehalt: Arsen hemmt die selektive Herauslösung des Zinks und macht die Legierung entzinkungsbeständig. Geprüft wird diese Beständigkeit nach ISO 6509-1 – der Test misst die Eindringtiefe der Entzinkung unter definierten Bedingungen. Den Grenzwert setzen EN 12164 und EN 12165: höchstens 100 µm Entzinkungstiefe für CW602N.

Claims-Disziplin

Wichtig sauber zu trennen: ISO 6509-1 ist eine Prüfnorm für eine Werkstoffeigenschaft, keine Produktzulassung und keine Betriebserlaubnis für ein Bauteil. „CW602N ist nach ISO 6509-1 geprüft“ heißt: Die Legierung besteht den Entzinkungstest. Es heißt nicht, dass ein daraus gefertigtes Teil damit für Trinkwasser „zugelassen“ wäre – das ist eine separate, rechtliche Frage (siehe unten).

Wann Standard-Messing völlig genügt

DZR pauschal zu verkaufen wäre unseriös. In vielen Anwendungen ist Entzinkung schlicht kein Thema, und CW614N (CuZn39Pb3, Zerspanbarkeitsindex 100 der Messing-Skala) oder CW617N bleiben die wirtschaftlichere und völlig ausreichende Wahl:

Die ehrliche Faustregel: Erst das Medium und die Einbauumgebung bewerten, dann die Legierung wählen – nicht umgekehrt.

Die deutsche Rechtslage – nüchtern

In Deutschland regelt die Trinkwasserverordnung (TrinkwV) den Kontakt von Werkstoffen mit Trinkwasser. Verbindlich ist die UBA-Bewertungsgrundlage für metallene Werkstoffe (Positivliste, verankert über § 15 TrinkwV): Sie legt fest, welche Metalle im Trinkwasserkontakt verwendet werden dürfen. Ab dem 31. Dezember 2026 gilt die europäische Positivliste (Durchführungsbeschluss (EU) 2024/367): Sie enthält keine bleihaltigen Messinge; national bewertete Werkstoffe dürfen übergangsweise bis zum 31. Dezember 2032 verwendet werden.

Für die Beschaffung heißt das konkret: Brassland hält keine Produktzulassungen – die Zulassung gehört zum fertigen Produkt und zu dessen Hersteller. CW602N steht als bleihaltiges Messing nicht auf der europäischen Positivliste; mit nationaler Bewertung darf es übergangsweise bis zum 31. Dezember 2032 verwendet werden, sofern das Produkt 5 µg/l Blei am Zapfhahn einhält. Für Neuentwicklungen im Trinkwasser führt der Weg zu CW724R (Eintrag 1658 der Positivliste). Die Konformität des Bauteils weist der Inverkehrbringer des Endprodukts – also der Armaturenhersteller – nach. Wir liefern die Legierung nach Spezifikation plus EN 10204 3.1-Zeugnis, das die Charge dokumentiert. Die Eignungsfreigabe liegt beim Besteller.

Warum DZR mehr kostet als der reine Materialaufpreis

CW602N ist nicht nur teurer im Legierungspreis – es zerspant auch spürbar zäher als CW614N. Das bedeutet längere Zykluszeiten, angepasste Schneidgeometrien und andere Schnittwerte. Der Aufpreis eines DZR-Drehteils setzt sich also aus Legierungszuschlag und Zerspanungsaufwand zusammen. Gegen einen einzigen Entzinkungsschaden – Ausfall, Wasserschaden, Regressdiskussion – gerechnet, ist dieser Aufpreis allerdings trivial.

Rückverfolgbarkeit als Audit-Dokument

Bei Trinkwasserkomponenten ist die Chargen-Rückverfolgbarkeit das zentrale QS-Dokument. EN 10204 3.1 liegt jeder Lieferung bei und dokumentiert die tatsächliche Charge; Typ 3.2 mit externem Abnahmebeauftragten ist auf Anfrage möglich – mit Vorlauf einzuplanen.

Wenn zusätzlich Blei das Thema ist

Entzinkung und Blei sind zwei verschiedene Fragen. CW602N löst die Entzinkung, enthält aber Blei. Wenn zusätzlich der Bleigehalt relevant wird – etwa bei Trinkwasser, denn die europäische Positivliste enthält kein bleihaltiges Messing –, führt der Weg zu bleifreiem Silizium-Messing CW724R (entspricht C69300), das als Werkstoff auch entzinkungsbeständig charakterisiert ist. Geht es dagegen nur um Entzinkung, ist CW602N meist die günstigere Antwort.

DZR ist Pflicht, wenn…

…das Wasser chloridreich oder weich ist, in der Leitung stagniert oder erwärmt wird – je mehr dieser Faktoren zusammentreffen, desto höher das Risiko – oder wenn die Ausschreibung DZR fordert. Für Trinkwasser in der EU heißt die entzinkungsbeständige Wahl CW724R: Es steht auf der europäischen Positivliste (Eintrag 1658), das bleihaltige CW602N nicht.

Standard-Messing gewinnt, wenn…

…das System ein geschlossener Heizkreis mit aufbereitetem Wasser ist; das Medium trockenes Gas oder Druckluft ist; oder das Bauteil gar nicht medienberührt ist. Hier ist CW614N/CW617N die wirtschaftlichere Wahl – DZR bringt keinen Funktionsgewinn, nur Mehrkosten.

Wie Brassland dabei hilft

Wenn Ihr Bauteil DZR braucht, fertigen wir es aus CW602N nach Ihrer Zeichnung; wenn zusätzlich bleifrei gefordert ist, aus CW724R / C69300; wo Standard-Messing genügt, aus CW614N. Alle Teile entstehen im hauseigenen CNC-Dreh- und Langdreh-Betrieb (enge Maße im Langdrehen bis ±0,005 mm), mit EN 10204 3.1 je Lieferung. Für Trinkwasser-nahe Komponenten sehen Sie auch unsere Sanitär- & Armaturenteile und Sonderteile nach Zeichnung. Wir fertigen Komponenten, keine fertigen Armaturen, und gießen nicht.

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Brassland Redaktion

Geschrieben vom Brassland-Team – Hersteller, Ingenieure und Exportfachleute in Jamnagar, Indien. Wir zerspanen Präzisions-Drehteile aus Messing, Kupfer und Aluminium und liefern in über 40 Länder. Was Sie hier lesen, kommt von der Werkbank, nicht aus einer Marketingabteilung.

Häufige Fragen

Woran erkenne ich, ob ich DZR-Messing brauche?
An drei Fragen: Ist das Wasser chloridreich? Ist es weich oder stagniert es? Fordert die Ausschreibung DZR? Ein Ja genügt – dann entzinkungsbeständiges Messing spezifizieren: CW602N, für Trinkwasser in der EU das bleifreie CW724R, das auf der europäischen Positivliste steht (Eintrag 1658).
Ist CW602N nach ISO 6509-1 „zugelassen“ für Trinkwasser?
Nein. ISO 6509-1 ist eine Prüfnorm für die Entzinkungsbeständigkeit, keine Zulassung. In Deutschland gilt bislang die UBA-Bewertungsgrundlage nach TrinkwV, ab dem 31. Dezember 2026 die europäische Positivliste (Durchführungsbeschluss (EU) 2024/367). CW602N steht als bleihaltiges Messing nicht darauf; national bewertete Werkstoffe dürfen übergangsweise bis zum 31. Dezember 2032 verwendet werden. Die Zulassung gehört immer zum fertigen Produkt – den Nachweis führt der Inverkehrbringer.
Warum ist ein Drehteil aus CW602N teurer als aus CW614N?
Legierungszuschlag plus Zerspanung: CW602N ist zäher, braucht angepasste Schnittwerte und mehr Maschinenzeit. Der Aufpreis ist gegen einen einzigen Entzinkungsschaden gerechnet trivial.
Brauche ich DZR-Messing auch im geschlossenen Heizkreis?
Meist nicht. Im geschlossenen Heizkreis ist das Wasser sauerstoffarm und aufbereitet, Entzinkung ist dort selten das Problem. CW617N-Komponenten sind hier meist die wirtschaftlichere Wahl.
Fertigt Brassland komplette Armaturen aus CW602N?
Nein. Wir fertigen die gedrehten Komponenten – Ventilinnenteile, Anschlussstücke, Buchsen, Nippel – nach Ihrer Zeichnung, keine fertigen Armaturen und keinen Guss. Inverkehrbringer bleibt der Armaturenhersteller; die Eignungsfreigabe liegt beim Besteller.

DZR- oder bleifreie Komponenten nach Zeichnung?

Brassland zerspant Präzisionsteile aus CW602N, CW724R und CW614N nach Ihrer Zeichnung – Langdrehen bis ±0,005 mm, CNC im Haus, EN 10204 3.1 je Lieferung. Senden Sie uns Ihre Zeichnung.

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