Werkstoffe

Bleifreies Messing: Was CW724R kann – und was es nicht beweist

CW724R (Siliziummessing, entspricht C69300) erfüllt das Werkstoffkriterium „bleifrei“ nach NSF/ANSI 372. Was das belegt, was es nicht belegt – und wann CW614N legitim bleibt.

✍ Brassland Redaktion 📅 7. Juli 2026 ⏱ 9 Min. Lesezeit 🏭 Brassland
Die kurze Antwort

CW724R (CuZn21Si3P, entspricht C69300) ist Siliziummessing und erfüllt das Werkstoffkriterium von NSF/ANSI 372 (gewichteter Bleigehalt ≤ 0,25 %). Das ist eine Werkstoffeigenschaft – keine erteilte NSF-Zertifizierung des Bauteils und keine deutsche Trinkwasserzulassung. Silizium übernimmt einen Teil der Zerspanbarkeit, die im bleihaltigen Messing das Blei leistet; die Zykluszeit liegt über CW614N (Index 100 der Messing-Skala). Ohne Trinkwasser- oder Lebensmittelkontakt bleibt CW614N über die geltenden RoHS-/REACH-Ausnahmen die wirtschaftliche Standardwahl.

Im Januar 2036 sinkt der EU-Bleigrenzwert im Trinkwasser auf 5 µg/l – die Hälfte des heutigen Werts. Das klingt weit weg. Aber ein Armaturenprogramm lebt 15 Jahre, und was Sie dieses Jahr konstruieren, steht dann noch im Feld. Die unbequeme Wahrheit: Das Blei in Ihrem Messing ist kein Schadstoff aus Schlamperei, sondern der Spanbrecher, der Ihre Stückkosten niedrig hält.

Bleifrei heißt also nicht „gleiches Teil, anderes Etikett“. Es heißt: neue Legierung, neue Zerspanung, neue Kalkulation. Wer das früh versteht, hat 2036 keine Altlast im Katalog. Dieser Beitrag trennt sauber, was der Werkstoff kann – und was er nicht beweist.

Brassland dreht Komponenten aus Messing, Kupfer und Aluminium nach Zeichnung – Kartuschenteile, Anschluss- und Buchsenteile, keine fertigen Armaturen. Diesen Beitrag lesen Sie deshalb als nüchterne Werkstoffkunde, nicht als Zulassungsversprechen.

Warum überhaupt Blei im Messing steckt

Blei ist in Automatenmessing kein Zufall, sondern Funktion. Es liegt fein verteilt im Gefüge, wirkt als Spanbrecher und als Trockenschmierstoff an der Schneide. Genau deshalb trägt CW614N (CuZn39Pb3) den Referenzindex 100 der Messing-Zerspanbarkeitsskala: kurzbrechende Späne, hohe Schnittwerte, geringer Werkzeugverschleiß. Das ist Physik, kein Skandal.

Zwei Skalen, kein harter Quervergleich

Die Zerspanbarkeitszahl 100 gilt auf der Messing-Referenzskala (CW614N/C36000 = 100). Stahl-Zerspanbarkeit läuft auf einer eigenen Skala. Vergleiche zwischen den Werkstofffamilien sind deshalb nur qualitativ zu lesen – „Messing zerspant deutlich freier“, nicht als exaktes Vielfaches. Der Wechsel von CW614N auf bleifreies CW724R bleibt aber innerhalb der Messing-Skala vergleichbar.

CW724R: was die Legierung ist

CW724R = CuZn21Si3P (entspricht C69300) ist ein Siliziummessing. Statt Blei übernimmt hier eine harte, spröde Siliziumphase im Gefüge einen Teil der Spanbruchfunktion. Ergebnis: gut lang- und kurzdrehbar – aber mit angepassten Parametern. Die Zykluszeiten liegen über CW614N; einen konkreten Prozentwert nennen wir bewusst nicht, weil er von Geometrie, Werkzeug und Losgröße abhängt.

MerkmalCW614N (CuZn39Pb3)CW724R (CuZn21Si3P)
Werkstoff-Nr.2.04012.0530
US-EntsprechungC36000C69300
Zerspanbarkeit (Messing-Skala)100 (Referenz)gut, aber unter 100 – angepasste Parameter
Bleilegiert (Spanbrecher)bleifrei i. S. NSF/ANSI 372 (≤ 0,25 %)
EntzinkungStandard-Messingals entzinkungsbeständig charakterisiert
Dichte8,4–8,5 g/cm³~8,4 g/cm³
Nachweis je LieferungEN 10204 3.1EN 10204 3.1 (Pb-Gehalt dokumentiert)

Claims-Disziplin: was NSF/ANSI 372 belegt – und was nicht

Hier trennt sich seriöse Werkstoffkunde vom Marketing. NSF/ANSI 372 ist ein Werkstoffkriterium: gewichteter Bleigehalt ≤ 0,25 %. CW724R erfüllt dieses Kriterium als Werkstoff. Was daraus nicht folgt:

Wir liefern die Legierung nach Spezifikation plus 3.1-Chargenanalyse als Nachweisgrundlage. Die Eignungsfreigabe des Teils in der Anwendung liegt beim Besteller.

Die deutsche und europäische Regellandschaft

Vier Ebenen greifen ineinander – ohne dass eine davon „bleifrei = zugelassen“ bedeutet:

Entscheidungsbaum: bleifrei ja oder nein?

So entscheiden Sie sauber

Trinkwasser-Kontakt + Neuentwicklung → bleifrei/bleiarm prüfen (CW724R). · Bestandsprodukt ohne Trinkwasserkontakt → CW614N bleibt über die geltenden Ausnahmen legitim. · Entzinkung und Blei beide relevant → CW724R deckt beides ab (auch entzinkungsbeständig, als Werkstoffeigenschaft). · Nur Entzinkung, kein BleithemaCW602N (DZR) ist meist die günstigere Antwort.

Kostenwahrheit: was bleifrei wirklich kostet

Der Aufpreis hat drei Komponenten: Legierungspreis + Zerspanungsaufschlag (längere Zykluszeit, angepasste Schnittwerte) + gegebenenfalls Werkzeuganpassung. Dafür bekommen Sie Zukunftssicherheit im Lastenheft und ein Verkaufsargument Richtung Endkunde – ein Programm, das den 2036-Grenzwert überlebt, ohne dass Sie mitten im Lebenszyklus umkonstruieren müssen.

Fertigung und Nachweis

Die Prüfkette ist identisch mit Standard-Messing: EN 10204 3.1 je Lieferung mit Chargenanalyse, die den Pb-Gehalt schwarz auf weiß dokumentiert – genau das Dokument, das Audits sehen wollen (3.2 auf Anfrage). Bleifreie Kleinteile – Fittings-Innenteile, Anschlüsse, Buchsen – sind klassisches Langdreh-Kernterrain: CNC bis Ø 150 mm, Langdrehen Ø 2–32 mm mit Toleranzen bis ±0,005 mm. Auslegung, Werkstoffangabe und Zeugnisumfang gehören dabei sauber auf die Zeichnung, nicht in die E-Mail.

Wenn die andere Seite gewinnt

Bleifrei ist kein Selbstzweck. Wo kein Trinkwasser- oder Lebensmittelkontakt vorliegt, ist der Wechsel oft die schlechtere Entscheidung: Sie zahlen Legierungs- und Zerspanungsaufschlag für einen Compliance-Vorteil, den die Anwendung gar nicht braucht. CW614N bleibt dort über die geltenden RoHS-/REACH-Ausnahmen die wirtschaftliche und völlig legitime Wahl. Und wenn nur die Entzinkung Ihr Thema ist – nicht das Blei –, ist CW602N in der Regel günstiger als CW724R. Ehrlich gerechnet gewinnt bleifrei genau dort, wo Produktlebensdauer und der 5-µg/l-Grenzwert sich überschneiden – und nur dort.

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Brassland Redaktion

Geschrieben vom Brassland-Team – Hersteller, Ingenieure und Exportfachleute aus Jamnagar, Indien. Wir drehen Präzisionskomponenten aus Messing, Kupfer und Aluminium und liefern in über 40 Länder. Was Sie hier lesen, kommt von der Werkbank, nicht aus dem Marketing.

Häufige Fragen

Ist CW724R NSF-zertifiziert?
Die Legierung erfüllt das Werkstoffkriterium von NSF/ANSI 372 (gewichteter Bleigehalt ≤ 0,25 %). Eine Zertifizierung des fertigen Produkts muss der Hersteller des Endprodukts beantragen – wir liefern die Komponente samt 3.1-Chargenanalyse als Nachweisgrundlage.
Muss ich jetzt alle CW614N-Teile umstellen?
Nein. Ohne Trinkwasser- oder Lebensmittelkontakt bleibt CW614N über die geltenden RoHS-/REACH-Ausnahmen die wirtschaftliche Standardwahl. Umstellen sollten Sie dort, wo Produktlebensdauer und der 5-µg/l-Grenzwert ab 2036 sich überschneiden.
Zerspant bleifreies Messing schlechter?
Anders. CW724R braucht angepasste Schnittwerte und Werkzeuggeometrien; die Zykluszeit liegt über CW614N (Index 100 der Messing-Skala). Mit eingefahrenen Parametern ist Serienfertigung mit Langdreh-Toleranzen bis ±0,005 mm Alltag.
Deckt CW724R auch Entzinkung ab?
Ja, die Legierung ist als entzinkungsbeständig charakterisiert – als Werkstoffeigenschaft. Wenn nur Entzinkung (nicht Blei) Ihr Thema ist, ist CW602N meist die günstigere Antwort.
Erhalte ich für bleifreies Messing ein Abnahmeprüfzeugnis?
Ja – identische Prüfkette wie bei Standard-Messing: EN 10204 3.1 je Lieferung mit Chargenanalyse, die den Pb-Gehalt dokumentiert. 3.2 auf Anfrage. Genau dieses Dokument wollen Audits sehen.

Bleifreies Teil nach Zeichnung?

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