CW724R (CuZn21Si3P, entspricht C69300) ist Siliziummessing und erfüllt das Werkstoffkriterium von NSF/ANSI 372 (gewichteter Bleigehalt ≤ 0,25 %). Das ist eine Werkstoffeigenschaft – keine erteilte NSF-Zertifizierung des Bauteils und keine deutsche Trinkwasserzulassung. Silizium übernimmt einen Teil der Zerspanbarkeit, die im bleihaltigen Messing das Blei leistet; die Zykluszeit liegt über CW614N (Index 100 der Messing-Skala). Ohne Trinkwasser- oder Lebensmittelkontakt bleibt CW614N über die geltenden RoHS-/REACH-Ausnahmen die wirtschaftliche Standardwahl.
Im Januar 2036 sinkt der EU-Bleigrenzwert im Trinkwasser auf 5 µg/l – die Hälfte des heutigen Werts. Das klingt weit weg. Aber ein Armaturenprogramm lebt 15 Jahre, und was Sie dieses Jahr konstruieren, steht dann noch im Feld. Die unbequeme Wahrheit: Das Blei in Ihrem Messing ist kein Schadstoff aus Schlamperei, sondern der Spanbrecher, der Ihre Stückkosten niedrig hält.
Bleifrei heißt also nicht „gleiches Teil, anderes Etikett“. Es heißt: neue Legierung, neue Zerspanung, neue Kalkulation. Wer das früh versteht, hat 2036 keine Altlast im Katalog. Dieser Beitrag trennt sauber, was der Werkstoff kann – und was er nicht beweist.
Brassland dreht Komponenten aus Messing, Kupfer und Aluminium nach Zeichnung – Kartuschenteile, Anschluss- und Buchsenteile, keine fertigen Armaturen. Diesen Beitrag lesen Sie deshalb als nüchterne Werkstoffkunde, nicht als Zulassungsversprechen.
Warum überhaupt Blei im Messing steckt
Blei ist in Automatenmessing kein Zufall, sondern Funktion. Es liegt fein verteilt im Gefüge, wirkt als Spanbrecher und als Trockenschmierstoff an der Schneide. Genau deshalb trägt CW614N (CuZn39Pb3) den Referenzindex 100 der Messing-Zerspanbarkeitsskala: kurzbrechende Späne, hohe Schnittwerte, geringer Werkzeugverschleiß. Das ist Physik, kein Skandal.
Zwei Skalen, kein harter Quervergleich
Die Zerspanbarkeitszahl 100 gilt auf der Messing-Referenzskala (CW614N/C36000 = 100). Stahl-Zerspanbarkeit läuft auf einer eigenen Skala. Vergleiche zwischen den Werkstofffamilien sind deshalb nur qualitativ zu lesen – „Messing zerspant deutlich freier“, nicht als exaktes Vielfaches. Der Wechsel von CW614N auf bleifreies CW724R bleibt aber innerhalb der Messing-Skala vergleichbar.
CW724R: was die Legierung ist
CW724R = CuZn21Si3P (entspricht C69300) ist ein Siliziummessing. Statt Blei übernimmt hier eine harte, spröde Siliziumphase im Gefüge einen Teil der Spanbruchfunktion. Ergebnis: gut lang- und kurzdrehbar – aber mit angepassten Parametern. Die Zykluszeiten liegen über CW614N; einen konkreten Prozentwert nennen wir bewusst nicht, weil er von Geometrie, Werkzeug und Losgröße abhängt.
| Merkmal | CW614N (CuZn39Pb3) | CW724R (CuZn21Si3P) |
|---|---|---|
| Werkstoff-Nr. | 2.0401 | 2.0530 |
| US-Entsprechung | C36000 | C69300 |
| Zerspanbarkeit (Messing-Skala) | 100 (Referenz) | gut, aber unter 100 – angepasste Parameter |
| Blei | legiert (Spanbrecher) | bleifrei i. S. NSF/ANSI 372 (≤ 0,25 %) |
| Entzinkung | Standard-Messing | als entzinkungsbeständig charakterisiert |
| Dichte | 8,4–8,5 g/cm³ | ~8,4 g/cm³ |
| Nachweis je Lieferung | EN 10204 3.1 | EN 10204 3.1 (Pb-Gehalt dokumentiert) |
Claims-Disziplin: was NSF/ANSI 372 belegt – und was nicht
Hier trennt sich seriöse Werkstoffkunde vom Marketing. NSF/ANSI 372 ist ein Werkstoffkriterium: gewichteter Bleigehalt ≤ 0,25 %. CW724R erfüllt dieses Kriterium als Werkstoff. Was daraus nicht folgt:
- Es ist keine erteilte NSF-Zertifizierung Ihres fertigen Bauteils. Die beantragt der Inverkehrbringer des Endprodukts selbst.
- Es ist keine deutsche Trinkwasserzulassung. Für Deutschland regelt die UBA-Bewertungsgrundlage (verbindlich nach § 15 TrinkwV), welche Werkstoffe im Kontakt mit Trinkwasser verwendet werden dürfen – das prüft der Hersteller des Endprodukts für sein konkretes Produkt anhand der aktuellen UBA-Liste.
Wir liefern die Legierung nach Spezifikation plus 3.1-Chargenanalyse als Nachweisgrundlage. Die Eignungsfreigabe des Teils in der Anwendung liegt beim Besteller.
Die deutsche und europäische Regellandschaft
Vier Ebenen greifen ineinander – ohne dass eine davon „bleifrei = zugelassen“ bedeutet:
- EU-Trinkwasserrichtlinie: Bleigrenzwert im Trinkwasser sinkt ab 2036 auf 5 µg/l.
- TrinkwV + UBA-Bewertungsgrundlage: verbindliche Positivliste metallener Werkstoffe für den Trinkwasserkontakt (national umgesetzt).
- NSF/ANSI 372: Werkstoffkriterium gewichteter Bleigehalt ≤ 0,25 % – eine Eigenschaft, keine Bauteilzulassung.
- RoHS/REACH: Blei in Messing-Zerspanungslegierungen ist derzeit über befristete Ausnahmen zulässig, die regelmäßig unter Review stehen. Wir behaupten keine Ablaufdaten – nur, dass die Ausnahmen aktuell befristet gelten.
Entscheidungsbaum: bleifrei ja oder nein?
So entscheiden Sie sauber
Trinkwasser-Kontakt + Neuentwicklung → bleifrei/bleiarm prüfen (CW724R). · Bestandsprodukt ohne Trinkwasserkontakt → CW614N bleibt über die geltenden Ausnahmen legitim. · Entzinkung und Blei beide relevant → CW724R deckt beides ab (auch entzinkungsbeständig, als Werkstoffeigenschaft). · Nur Entzinkung, kein Bleithema → CW602N (DZR) ist meist die günstigere Antwort.
Kostenwahrheit: was bleifrei wirklich kostet
Der Aufpreis hat drei Komponenten: Legierungspreis + Zerspanungsaufschlag (längere Zykluszeit, angepasste Schnittwerte) + gegebenenfalls Werkzeuganpassung. Dafür bekommen Sie Zukunftssicherheit im Lastenheft und ein Verkaufsargument Richtung Endkunde – ein Programm, das den 2036-Grenzwert überlebt, ohne dass Sie mitten im Lebenszyklus umkonstruieren müssen.
Fertigung und Nachweis
Die Prüfkette ist identisch mit Standard-Messing: EN 10204 3.1 je Lieferung mit Chargenanalyse, die den Pb-Gehalt schwarz auf weiß dokumentiert – genau das Dokument, das Audits sehen wollen (3.2 auf Anfrage). Bleifreie Kleinteile – Fittings-Innenteile, Anschlüsse, Buchsen – sind klassisches Langdreh-Kernterrain: CNC bis Ø 150 mm, Langdrehen Ø 2–32 mm mit Toleranzen bis ±0,005 mm. Auslegung, Werkstoffangabe und Zeugnisumfang gehören dabei sauber auf die Zeichnung, nicht in die E-Mail.
Wenn die andere Seite gewinnt
Bleifrei ist kein Selbstzweck. Wo kein Trinkwasser- oder Lebensmittelkontakt vorliegt, ist der Wechsel oft die schlechtere Entscheidung: Sie zahlen Legierungs- und Zerspanungsaufschlag für einen Compliance-Vorteil, den die Anwendung gar nicht braucht. CW614N bleibt dort über die geltenden RoHS-/REACH-Ausnahmen die wirtschaftliche und völlig legitime Wahl. Und wenn nur die Entzinkung Ihr Thema ist – nicht das Blei –, ist CW602N in der Regel günstiger als CW724R. Ehrlich gerechnet gewinnt bleifrei genau dort, wo Produktlebensdauer und der 5-µg/l-Grenzwert sich überschneiden – und nur dort.
Häufige Fragen
Ist CW724R NSF-zertifiziert?
Muss ich jetzt alle CW614N-Teile umstellen?
Zerspant bleifreies Messing schlechter?
Deckt CW724R auch Entzinkung ab?
Erhalte ich für bleifreies Messing ein Abnahmeprüfzeugnis?
Bleifreies Teil nach Zeichnung?
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